Ein Jahr voller Gaumenfreu(n)de

In China essen sie Hunde

Tatsächlich wurde ich noch nie direkt gefragt, ob man in China Hunde isst, wahrscheinlich aus Angst mich mit diesem Klischee zu brüskieren oder sogar rassistisch zu erscheinen. Stattdessen ist eine der häufigsten Fragen, die ich als gebürtige Chinesin höre, was wir zuhause essen oder was man in China isst. Doch viel interessanter als das „was“ ist und war für mich immer das „wie“. Abgesehen den Speisen selbst, unterscheidet sich die chinesische Essenskultur auch in vielen anderen Aspekten fundamental von der deutschen. Als ich mit sechs Jahren nach Deutschland kam, wurde ich ins kalte Wasser geworfen und musste mich durch leidvolle Erfahrung und mühsames Training an die hiesigen Tischregeln anpassen. Erst viel später wurden mir aber die sozialen Unterschiede in der Essenskultur bewusst. In China, oder zumindest wie ich es erlebe, ist Essen Teil jeder sozialen Interaktion. Kein Geschäft, kein Treffen mit Freunden oder der Familie ohne ein gemeinsames Essen. „Aber“, mögt ihr jetzt sagen, Geschäftsessen oder Familienessen gibt es doch auch in Deutschland! Doch was mir fehlt, ist Essen gehen mit Freunden – also nicht die Pizza vor dem Kino oder die Nachos zum Cocktail. In China oder unter Chinesen ist es normal, dass man unter Freunden sich regelmäßig zum Essen einlädt. Aber in meinem Freundeskreis, zugegebenermaßen alles „arme“ Berliner Studenten, ist Essen gehen in einem Restaurant beschränkt auf bestimmte Anlässe wie Geburtstage. Aber warum nicht mal Essen gehen des guten Essens wegen sowie ins Kino gehen des guten Films wegen? Und nicht nur, weil man was zu feiern hat?

Ein ungewöhnlicher Geburtstagswunsch

Der Grund warum ich „arm“ in Anführungszeichen schreibe, ist, dass ich praktisch keine Freunde habe, die es sich wirklich nicht leisten können im Restaurant essen zu gehen. Die Prioritäten liegen nur woanders! Gutes Essen und Genuss am Essen liegen mir am Herzen, dafür habe ich wenige materielle Wünsche. Letztes Jahr vor meinem Geburtstag stand ich also wie jedes Jahr vor der schwierigen Frage, was ich mir zum Geburtstag wünschen könnte. „Ihr müsst mir nichts schenken!“ oder „Bitte schenkt mir nichts!“ hat in den letzten Jahren nie was gebracht. Schließlich hatte ich die Idee, dass ich mir doch einfach wünschen könnte, zum Essen eingeladen zu werden! Das mag jetzt simpel klingen, aber für mich war es eine Epiphanie!

Also habe ich selbst den Anfang gemacht. Zu meinem Geburtstag habe ich alle meine Freunde zusammengetrommelt und zum Essen eingeladen – wohin natürlich: zu einem chinesischen Restaurant. Wir waren im Dajiale in der Goebenstraße, das Spezialitäten aus der nordostchinesischen Provinz Dongbei anbietet. Das Dajiale, das den Charme einer Kantine versprüht – ich paraphrasiere einen yelp-Eintrag, serviert hervorragendes authentisches Essen zu einem sozialverträglichen Preis. Beim Essen, das alle zu meiner großen Freude genossen, eröffnete ich ihnen meinen besonderen Wunsch. Die Spielregeln sind easy: Jeder soll mich im nächsten Jahr zum Essen in eines seiner oder ihrer Lieblingslokale einladen. Außerdem muss es ein Lokal sein, das ich noch nicht kenne. Ansonsten ist alles erlaubt, ob bester Currywurst-Imbiss der Stadt oder feine französische Küche.

Und noch so ein Food-Blog

Nun könnte ich das alles auch machen ohne darüber zu bloggen. Zu viel Freizeit habe ich als Doktorand nun wahrlich nicht! Und Food- oder Restaurant-Blogs gibt’s doch schon wie Sand am Meer, gerade im „hippen“ Berlin.

Ich will ehrlich zu euch sein: ich benutze diesen Blog schlichtweg als Motivation, damit dieses Vorhaben über das Jahr nicht im Sande verläuft, nach dem Motto: „Ihr müsst mit mir essen gehen, sonst habe ich nichts zum Bloggen!“. Und deswegen möchte ich in diesem Blog auch nicht hauptsächlich die Restaurants bewerten oder die Speisen präsentieren (food porn). Ich möchte vielmehr das kleine Glück eines gemeinsamen Gaumenschmauses mit Freunden einfangen. ❤

P.S.

Hunde isst man tatsächlich in China, genauso wie Katzen. Mein Cousin hat mir mal eine Redensart beigebracht, dass Chinesen alles essen, was auf der Erde rumläuft, alles was im Meer schwimmt und alles was in der Luft fliegt. Aber Hund oder Katze gibt es nicht gerade häufig und auch nicht in allen Regionen. Vielleicht kann man es damit vergleichen, wie viel Pferd in Deutschland gegessen wird – wenig aber in gewissen Gegenden nicht untypisch. Und wusstet ihr, dass in Südamerika Meerschweinchen ein völlig normales Gericht ist, aber ein Kaninchenbraten absurd bis abartig wäre? Wie gesagt, Essen ist eine Frage der Kultur!